Upcoming Architects Facing New Conditions

Interview mit Prof. Sonja Nagel, Prof. Björn Martenson und Jan Theissen

Welche Aspekte bewegen Sie beim Thema nachhaltig Bauen am meisten?

Als Planer und Entwerfer spielen die lokalen Gegebenheiten und Zusammenhänge für uns eine große Rolle. Vor diesem Hintergrund ist es aus unserer Sicht notwendig, die Auswüchse der Globalisierung hinsichtlich des Bauens zu diskutieren: Inwiefern ist es beispielsweise sinnvoll, Bodenbeläge aus China zu importieren, auch wenn es preiswerter ist? Wir sind daran interessiert, zu einem einfacheren Bauen mit regionalen Materialien und klugen, nachhaltigen Lösungen zurückfinden, um damit einen Beitrag zu leisten, wie Probleme im Bereich des Bauens gelöst werden können. Welche lokalen Potenziale können dafür genutzt werden? Auch den hohen Einsatz von Technik im Gebäude hinterfragen wir stark, da er sich am Ende oft nicht rechnet oder keinen wirklichen Beitrag zur Nachhaltigkeit leistet. Wir versuchen deshalb von Lowtech-Prinzipien, die weltweit zum Einsatz kommen, zu lernen und auszuloten, ob und wie man diese in eigene Bauprojekte integrieren kann. Das verstehen wir unter global denken und lokal handeln.

Da in unserem Büro der Anteil der Umbauprojekte stark zunimmt, interessieren uns Strategien, wie wir an den Bestand, an vorgefundene Konstruktionen oder zumindest an die vorhandenen Baumaterialien anknüpfen können, sehr. Die Frage wie wir Bausubstanz sinnvoll erhalten und weiterverwenden, spielt bei uns eine große Rolle, denn wenn wir ehrlich bilanzieren würden, müssten wir den Neubau als Ausnahme und Umbau als den Regelfall betrachten.

Worin sehen Sie die große Chance für unsere Baukultur?

Wir könnten uns vorstellen, dass bei einer Preissteigerung der fossilen Brennstoffe und damit des internationalen Transports der globale Warenzirkus ins Stocken gerät und in Folge dessen der regionale Produktionsprozess wieder gestärkt wird. Hier sehen wir große Möglichkeiten für die Neuentwicklung von Bauprodukten und Produktionsprozessen.Eine andere sehr interessante Entwicklung, die seit Jahren stattfindet, ist auch, dass sich Architekten und Architektinnen durch das Internet und die damit verbundenen Möglichkeiten international viel besser und direkter vernetzen können als früher. Durch eine vernetzte Architektenschaft setzen sich gute, innovative Lösungen viel schneller durch. Das gemeinsame Arbeiten beschleunigt und potenziert Entwicklungen, denn das Knowhow der Welt, die Themen an denen aktuell gearbeitet wird, stehen offen da und können in die Projekte einfließen, die lokal bearbeitet werden. Open Source ist eine Chance, Probleme schneller und effizienter in den Griff zu kriegen. Auch kleine Büros – wie wir – sind dadurch weltweit deutlich sichtbarer und können ihr innovatives Potenzial einbringen. Wir hätten mit unserem ersten Haus nie diese Reichweite entfalten können, wenn Architektur-Blogs unsere Arbeit nicht gezeigt hätten. Tatsächlich haben wir am Anfang auf internationaler Ebene viel mehr Zuspruch erhalten als aus Deutschland.

Fried – Öffentliches Gebäude/ Pavillon

Haben Sie in den letzten Jahren eine Richtungsänderung in der Haltung Ihrer Bauherrenschaft festgestellt?

Viele private Bauherren sind sich inzwischen bewusster, dass sie mit ihrem Lebensstil viele Ressourcen verbrauchen und machen sich dazu Gedanken. Das betrifft natürlich auch das gewünschte Gebäude. Die Diskussionen bzgl. Material, Energie- und Raumbedarf haben sich dadurch verändert, was auch Entscheidungen der Bauherren beeinflusst.Wir stellen auch fest, dass in letzter Zeit hauptsächlich Bauherr*innen auf uns zukommen, die unsere Arbeiten kennen und die explizit von uns ein Gebäude wollen. Sie sehen die Mehrwerte, die wir in unsere Projekte integrieren und sind sehr viel bereiter, Lösungen in Betracht zu ziehen, die außerhalb des Standards liegen. Das finden wir wunderbar, da wir unser kreatives Potenzial dadurch mehr entfalten können.

JustK – Einfamilienhaus

Was fehlt Ihnen an der gegenwärtigen Architekturdiskussion?

Mittlerweile begegnet es uns immer öfter, dass die Überreglementierung das nachhaltige Bauen blockiert. Bei Renovierungen oder v. a. auch Umnutzungen greifen mitunter so viele Regularien, das dies zu enormen Baukostensteigerungen führt. Verschreckte Bauherr*innen machen dann oft lieber gar nichts und springen ab oder statt einer Renovierung erfolgt der Abriss, weil für sie der Aufwand dann in keinem Verhältnis mehr steht.

Zu wenig wird unserer Meinung nach auch die Situation der Architekten und Architektinnen diskutiert, die unter immer stärkerem juristischem Druck stehen. Schnell werden die Planungs- oder Ausführungsfehler den Architekten zugeschoben. Alle verlassen das sinkende Schiff und der Architekt steht am Ende alleine auf weiter Flur als „Generalhafter“ da, der für alles verantwortlich gemacht wird. Der Dokumentationsaufwand wird immer größer und man haftet für Kooperationspartner, die man noch nicht einmal selbst ausgesucht hat, wenn man beispielsweise an die Vergabepraxis denkt, dass der günstigste Anbieter den Auftrag erhält. Wir fragen uns, warum sich alle anderen Berufsgruppen aus der Haftung herausnehmen können, beim Arzt unterschreibt man beispielsweise zig Formulare und haftet für alles mehr oder weniger selber. Architekt*innen werden jedoch mitunter dazu genötigt, die ‚Generalhaftung‘ für alle zu übernehmen, obwohl ihr Honoraranteil im gesamten Prozess nicht unbedingt der größte ist. Das ist eine schwierige Situation.

Wie wird die Arbeit des Architekten Ihrer Meinung in 10 Jahren aussehen?

Die Digitalisierung wird vor dem Architektenberuf – da muss man sich keinerlei Illusionen machen – nicht Halt machen. Es wird immer mehr Unterstützungs-Tools geben, die Standardgrundrisse auf Basis der vorhandenen Lösungen vermutlich sogar besser lösen können, als der Architekt. Vor diesem Hintergrund stellt sich für uns die Frage, welche Kernkompetenz Architekten in Zukunft bieten müssen?Weiter ist unsere Vermutung, dass die Entwicklung in Richtung großer Architekturbüros gehen wird, die hunderte von Mitarbeiter*innen haben. Allein schon die ganze Haftungs- und Ausschreibungsthematik führt dazu, dass sich die Architekturbürolandschaft immer weiter in Großstrukturen verfestigt. Im Gegenzug dazu wird es sehr kleine und agile Büros geben, die sich in Netzwerken oder in fluktuierenden Kollaborationen zusammenschließen. Dazwischen liegen mittelgroße Büros, die sich wahrscheinlich eher schwer tun, weil sie weder agil genug sind, noch das Potenzial haben, sich aufgrund der geforderten Voraussetzungen an öffentlichen Aufträgen oder an Wettbewerben zu beteiligen. Letztlich ist das eine Situation, die sich schon relativ lange abzeichnet und immer weiter voranschreitet. Die Chance kleiner Büros ist, aus unserer Sicht, das Neubewerten und Umdeuten von Bestandsbauten. Die Aufgabe, Gebäude neu zu strukturieren und umzubauen, ist für viele große Architekturbüros oft unrentabel, weil das komplexe Sonderlösungen erfordert. Darüber hinaus sind sie meist überregional tätig und können dadurch nicht nah genug am Objekt und dessen Umfeld agieren. Deshalb könnte dieser Aufgabenbereich für kleinere und mittlere Büros interessant sein und als Expertise ausgebaut werden.

Schreber – Doppelhaushälfte
AMUNT_portrait_©_Jan Kopetzky
AMUNT_portrait_©_Jan Kopetzky

Prof. Sonja Nagel, Prof. Björn Martenson und Jan Theissen

AMUNT Architekten, Aachen/Stuttgart

Björn Martenson schloss 1997 sein Architekturstudium an der RWTH Aachen im Fachbereich Architektur ab. Er war Lehrbeauftragter an der Bergischen Universität Wuppertal und an der RWTH Aachen. Im Jahr 2017/2018 war Björn Martenson Gastprofessor an der TU München und ist seit 2020 an der Hochschule München als Professor tätig. Sonja Nagel hat Architektur und Design an der Akademie der Bildenden Künste (ABK) Stuttgart und der Universität Stuttgart studiert. Jan Theissen studierte Produktdesign an der HBK Saarbrücken und der Design Academy Eindhoven, bevor er ein Architekturstudium am Pratt Institute Brooklyn NY und ebenfalls an der ABK in Stuttgart absolvierte. Über ihre Entwurfstätigkeit hinaus waren Nagel und Theissen Assistenten bzw. Dozenten an der ABK in Stuttgart und unterrichteten von 2015 bis 2017 Entwerfen an der PBSA in Düsseldorf, ab 2018 an der TU Darmstadt und seit 2019 an der Universität Stuttgart. Im Jahr 2017 erhielten sie ein Bundesstipendium für einen 6-monatigen Aufenthalt an der Cité International des Arts in Paris, wo sie an ihrem Bildatlas über Alltagsarchitektur als Ressource für den Entwurf arbeiteten.

Seit 2010 arbeiten Björn Martenson, Sonja Nagel und Jan Theissen in einer Architekturkooperation unter dem Namen AMUNT. Ihre Projekte wurden mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet.

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