Upcoming Architects Facing New Conditions

Interview mit Nils Nolting

„Upcoming architect facing new conditions“ ist das Thema unserer Interviewserie. Inwieweit sehen Sie sich als Architekt mit neuen Rahmenbedingungen konfrontiert?

Die Frage ist, ob die Rahmenbedingungen neu sind, mit denen wir konfrontiert sind oder ob wir nicht schon seit vielen Jahrzehnten Kenntnis davon haben, wenn man beispielsweise das Thema des Klimawandels nennt. Die erste Veröffentlichung über die Grenzen des Wachstums vom „Club of Rome“ ist schon fast 50 Jahre alt. In dem Sinne sind die Konditionen eigentlich nicht neu. Neu ist, dass das Thema jetzt auch in der Breite angekommen ist und die Folgen des Klimawandels zunehmend nicht mehr abstrakt sind, sondern real spürbar werden. Wie wir alle wissen, emittieren wir als Weltgesellschaft viel zu viel CO2, ein weltweiter Lebensstil wie in Deutschland würde knapp drei Erden benötigen. Das ist natürlich nicht nachhaltig. Das Bauen von Gebäuden, die wenig Energie im Betrieb verbrauchen, ist auch dank der Gesetzgebung schon länger präsent. Was bisher noch kein großes Thema war und dringend in den Fokus gerückt werden muss ist, dass das Bauen selbst einen sehr großen Energieaufwand erfordert.

Nachhaltigkeit befürworten alle – sich deshalb auf Mehrkosten einlassen, wollen allerdings die wenigsten. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Klar, das ist noch häufig so. Bisher galt beispielsweise: „Ein Holzbau ist ungefähr zehn Prozent teurer als ein Massivbau.“ In der Vergangenheit wurde sich auf Grund dessen – neben anderen Vorbehalten gegenüber Leichtbauweisen - oft für den Massivbau entschieden. Das hat sich in den letzten Jahren stark geändert. Natürlich wird das Umdenken teilweise auch schon durch Vorgaben vonseiten der Politik gefördert. Aber es gibt durchaus auch Bauherren, die vorne weggehen und mehr machen wollen als unbedingt nötig ist. Es gibt ein wachendes Bewusstsein dafür, dass Umweltfolgekosten zukünftig auch wirtschaftlich eingepreist werden. Nachhaltigkeit ist also kein reiner Idealismus, sondern einfach eine strategisch kluge Sache.

Recyclinghaus – EFH, Neubau

Was braucht man heute und in Zukunft, um ein guter Architekt zu sein?

Architekten*innen sind Generalisten und müssen viele Aspekte berücksichtigen. In unseren Projekten beziehen wir Themen der Nachhaltigkeit von Anbeginn mit ein. Das betrifft die ökologischen, ökonomischen und die sozialen Themen. Was die soziale Gerechtigkeit auf dem Wohnungsmarkt anbetrifft, haben wir ja ein großes gesellschaftliches Problem. Es reicht nicht, eine gute Gestaltung zu machen, sondern man muss als Architekt*in eine Vielzahl von komplexen Aspekten berücksichtigen. Das war ein Stück weit schon immer so, aber es sind eben weitere Bedingungen dazugekommen. Das betrifft zum einen die Gebäude selber und zum anderen das ganze Wohnumfeld und die stadtplanerische Organisation. Wir dürfen Gebäude nicht isoliert betrachten, wir müssen quartiersübergreifend denken. Freiräume mitzudenken, spielt dabei eine große Rolle, denn sie müssen eine hohe Lebensqualität bieten, um als Begegnungsräume fungieren zu können. Klimaangepasst zu planen und zu bauen, ist hier von immer größerer Bedeutung. Starkregenereignisse, Hitzesommer und andere Folgen des Klimawandels müssen in der Planung Berücksichtigung finden. Die Anforderungen gleichen also einem komplexen Blumenstrauß, an den man als Architekt*in nicht mit der Erwartung herangehen sollte, alles alleine lösen zu können. Teamarbeit mit Experten aus den verschiedensten Bereichen ist wichtig.

Wohnkrone Parkhaus – Bestandsumbau- und Erweiterung eines Parkhauses, Aufstockung mit Wohnunge

Sie beschäftigen sich bei Cityförster auch mit neuen Arbeitswelten. Was bedeutet Corona für den Bürobau?

Wir selber haben unsere Büroflächen während der Pandemie deutlich erweitert. Unser Team war auch viel im Homeoffice, wir haben aber tatsächlich auch noch Räume dazu gemietet, um Präsenzarbeit ebenfalls zu ermöglichen und Abstände gewährleisten zu können. Ein positiver Nebeneffekt an der Coronakrise ist sicher, dass klar geworden ist, wie viel man doch digital organisieren kann. Ich habe gestern noch mit einem Kollegen gesprochen, der vor einigen Jahren noch für einen zwanzigminütigen Vortrag nach Hawaii geflogen ist. So etwas macht man heute nicht mehr. Auch wenn man mit externen Planern arbeitet, muss man nicht mehr mit einem Inlandflug durch die Republik jetten, um für eine halbe Stunde etwas abzuklären. Vieles lässt sich digital organisieren und das spart viel Zeit und Ressourcen. Klar, die soziale Komponente des persönlichen Austauschs ist auch wichtig, dafür wird es weiterhin Begegnungsräume in den Arbeitswelten geben müssen.

Sind Sie für die Verbannung des Autos aus der Stadt?

 

Wir haben begrenzte Flächen in der Stadt. Das Auto muss da künftig auf jeden Fall deutlich weniger Raum einnehmen. Das Selbstverständnis, dass öffentlicher Raum kostenlos für das Abstellen privater Autos genutzt wird, stellen wir in der Gesellschaft noch immer zu wenig infrage. Wenn man sich überlegt, wie hoch Bodenpreise sind und wie viel Fläche man für PKW-Stellplätze braucht, ist das doch völliger Wahnsinn. Wir müssen gerade in den Städten weg vom privaten PKW. Und eigentlich sollte es nicht so schwer zu vermitteln sein, dass hiermit nicht in erster Linie Einschränkungen verbunden sind, sondern viel mehr eine erhebliche Steigerung der Lebensqualität.

Im Autoland Deutschland ist generell schwierig, bei diesem Thema Veränderungen herbeizuführen. Genau hier haben wir übriges seit längerer Zeit einen starken Stadt-Land-Konflikt: In den Städten ist die Mehrheitsmeinung ganz klar, dass das Auto zurückgedrängt werden muss. Auf dem Land stellt sich das naturgemäß schwieriger dar. Einfach, weil es einen funktionierenden öffentlichen Nahraum dort nicht mehr gibt und für weite Strecken das Auto noch immer die attraktivste Option ist. Andererseits: ich fahre ab und zu mit dem Auto zu Bekannten in die Vorstadt oder aufs Land und ich stehe jedes Mal im Stau. Ich wundere mich, dass viele Menschen das jeden Tag aushalten oder sogar als Freiheit empfinden. Eine wirklich unglaubliche Verschwendung von Lebenszeit und Lebensqualität, die maßgeblich durch eine verfehlte Verkehrs- und Siedlungspolitik entstanden ist. Und warum wird eigentlich eine klimaschädliche Mobilität durch eine Pendlerpauschale subventioniert, die erhöhten Mieten in den Städten, in denen sich das Leben wesentlich klimafreundlicher organisieren lässt, aber nicht?

 
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Cityfoerster_Portrait
Cityfoerster_Portrait

Nils Nolting

Gründungspartner von CITYFÖRSTER architecture + urbanism

Nils Nolting studierte Architektur an der Leibniz Universität Hannover und der Architekthøgskolen Oslo. Bei internationalen und nationalen Wettbewerben hat er zahlreiche Preise gewonnen und Folgeaufträge realisiert. 2017 wurden Nils Nolting und Arne Hansen für das Projekt „Wohnkrone“ mit dem Nachwuchspreis des BDA Niedersachsen Max 45 ausgezeichnet. Das von Nils Nolting 2019 fertiggestellte Projekt „Recyclinghaus“ hat zahlreiche Awards und Nominierungen erhalten, unter anderem den Sonderpreis Nachhaltigkeit beim Deutschen Fassadenpreis 2020 sowie eine Anerkennung beim “Sonderpreis“ Bundespreis Umwelt und Bauen. Heute ist Nils Nolting Gründungspartner von CITYFÖRSTER architecture + urbanism und geschäftsführender Partner des Büros in Hannover.

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