Umweltdeklarationen: Mehr als ein Label

Schon gewusst?

Vor Ausbruch der COVID-19-Pandemie verursachte der Gebäude- und Bausektor fast 40 % der CO2-Emissionen, die mit dem Verbrauch von Energie zusammenhingen. Zwar war im Jahr 2020 ein Rückgang der Emissionen zu verzeichnen. Die Internationalen Energieagentur hat jedoch festgestellt, dass der Bausektor auch 2021 die gesteckten Ziele auf dem Weg zur Klimaneutralität nicht erreicht hat., Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Erfassung und Ausweisung der CO2-Bilanz von Gebäuden nach wie vor sogar in einigen Regionen Europas freiwillig erfolgt – dem Teil der Welt, der beim Klimaschutz traditionell Vorreiter ist. 

Doch es kommt Bewegung in die Thematik: Belgien, die Niederlande und Schweden haben für Neubauten und öffentliche Gebäude bereits CO2-Grenzwerte festgelegt, die sich auf die gesamte Lebensdauer der Häuser beziehen, und verlangen des Weiteren auch die Dokumentation von Ökobilanzen (Life Cycle Assessments, LCA). Ähnliche Vorschriften werden in naher Zukunft europaweit in Kraft treten. 

Umweltdeklarationen (Environmental Product Declarations, EPD) enthalten produktspezifische Daten zur Umweltleistung, die bei der Erstellung der Ökobilanz für das gesamte Gebäude verwendet werden können. Auf vielen Märkten – vor allem in Frankreich und in den nordischen Ländern – haben EPDs bereits eine geschäftsrelevante Bedeutung erlangt. Im Folgenden sollen EPDs und ihre große Bedeutung für die Bauindustrie genauer unter die Lupe genommen werden.

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Was sind EPDs?

Eine EPD ist ein „Produktpass“, der die Auswirkung eines Produkts auf die Umwelt in quantifizierbarer Form nachweist. Sie besteht aus zwei Hauptelementen: einem umfassenden Bericht, der nicht veröffentlicht wird, und der öffentlich einsehbaren Umweltdeklaration, die die Ergebnisse der Produktprüfung ausweist.

Die Daten für die EPD werden von unabhängiger Seite anhand einer Reihe internationaler und europäischer Normen für die Bauindustrie geprüft. Für die verschiedenen Produktkategorien gibt es jeweils standardisierte Bewertungsschemata. Somit können Planer und Einkäufer die Umweltauswirkungen von Produkten derselben Kategorie miteinander vergleichen und dabei deren Lebensdauer miteinbeziehen. Dies ermöglicht eine fundiertere Produktauswahl.  

Die EPD basiert auf den Daten einer Ökobilanz, die die gesamte Lebensdauer berücksichtigt. Daher sind EPDs sehr viel umfassender als viele Umweltzeichen, die meist nur einen Teil der Produktlebensdauer berücksichtigen. Die Lebensdauer umfasst gemeinhin die gesamte Zeit ab der Rohstoffgewinnung über die Herstellung und die Nutzung bis hin zur Entsorgung eines Produkts, wobei sogar die entsprechenden Transportwege einbezogen werden.

Für die EPD wird eine Fülle an Indikatoren bewertet, darunter das Treibhauspotenzial und andere Umwelteinflüsse, die möglicherweise durch ein Produkt verursacht werden, wie Ozonbildung- und abbau, Versauerung und Wassermangel.

Warum sind EPDs für den Bausektor wichtig?

EPDs machen Produkte nicht umweltfreundlicher. Sie legen einfach die Umweltverträglichkeit von Produkten über ihre gesamte Lebensdauer offen. Diese Art von Informationen wird künftig ein Auswahlkriterium für Produkte sein – auf einer Stufe mit Preis, Design oder Qualität.

Die Immobilien-Abteilung von PensionDanmark, investiert in nachhaltigen Wohnraum und baut auch selbst welchen. Der Senior Project Manager der Firma, Martin Baltser, meint zu dem Thema: „Wir müssen Nachhaltigkeit nicht nur für jedes Haus nachweisen, sondern auch für jedes verwendete Produkt. Deswegen sind EPDs und LCAs enorm wichtig. Sie beweisen, dass unsere Behauptungen auch stimmen.“”

Derzeit sind EPDs nicht vorgeschrieben. Ökobilanz-Vorschriften gibt es auf mehreren europäischen und internationalen Märkten, allerdings nur auf Länderebene. Zudem verlangen Zertifizierungssysteme für nachhaltiges Bauen wie BREEAM und LEED Informationen, die denen der EPD gleichkommen.

Allerdings werden die EU-Vorgaben weiter verschärft. Martin Baltser glaubt, dass EPDs eine große Rolle im Zusammenhang mit der EU-Taxonomie-Verordnung spielen werden. Deren Zielsetzung ist just die Vorgabe von klaren, standardisierten Definitionen zur Bestimmung ökologisch nachhaltiger Produkte und Tätigkeiten.

EPDs – mehr als nur eingehaltene Vorschriften

Die Umweltleistung von Produkten nimmt auch im öffentlichen Sektor einen immer höheren Stellenwert ein. Ökologische Richtlinien für die Vergabe öffentlicher Aufträge, wie sie in Schweden und Italien bereits gelten, umfassen auch die Abfrage von Informationen zur Umweltverträglichkeit von Produkten, bevor deren Verwendung überhaupt in Betracht gezogen wird. Anhand von EPDs lassen sich diese Daten vergleichen, um dann die jeweils nachhaltigsten Optionen auszuwählen.

Ebenso benötigen Projektentwickler, Architekten und Planer in der Baubranche die EPD-Daten für die Produkte, die sie in Gebäuden verwenden möchten. Großhändler werden sich mit Produkten eindecken, die eine EPD vorweisen können, da die Nachfrage für diese Produkte in Zukunft wahrscheinlich steigen wird.

Die Daten der EPD können Organisationen auch dabei helfen, die Vorgaben für nachhaltige Investitionsmöglichkeiten wie z. B. Green Bonds einzuhalten. Aber EPD-Berichte werden über die Compliance hinaus noch für weitere Zwecke benötigt. Sie können Hinweise darauf geben, an welchen Stellen Herstellungsprozesse verbessert und ökologisch nachhaltiger gestaltet werden können. Darüber hinaus kann die Produktentwicklung ausgehend von EPD-Daten Maßnahmen ergreifen, um die Umweltbelastung durch ihre Prozesse zu senken.

Die Gesellschaft mitnehmen

Die Gebäude- und Bauindustrie ist aber längst nicht das einzige Problem, wie Martin Baltser hervorhebt:

Environmental Product Declarations
Environmental Product Declarations

Martin Baltser

Senior Project Manager at PensionDanmark

“„Das Problem ist, dass Großgeräte wie Waschmaschinen oder Trockner in vielen Ländern schon ab 300 Euro zu haben sind, eine Reparatur an diesen Geräten aber schnell 100 Euro kosten kann. So etwas darf nicht sein. Wir müssen ein Produktions- und Konsumklima schaffen, in dem die Reparatur von Produkten zur Normalität wird: Ersatzteile müssen vorrätig und die Reparatur von Produkten einfacher und günstiger sein als der Neukauf. Die breite Masse muss wieder lernen, unsere Ressourcen wertzuschätzen. Wir versuchen, unsere Kunden zu überzeugen, dass wir unsere Art zu leben ändern müssen. Wenn jeder von uns nur einige Kleinigkeiten ändert, könnten wir wirklich Großes für die Umwelt bewirken.“ ”  

Martin Baltser berichtet, dass er ein wachsendes Bewusstsein und eine steigende Bereitschaft wahrnimmt, in Produkte zu investieren, die unserem Planeten helfen – nicht nur bei den jüngeren Generationen. EPDs könnten daher nicht nur für den Gebäudesektor immer wichtiger werden, sondern auch für Verbraucher und ihre Kaufentscheidungen.

Im Rahmen des Fælledby Projekts haben es sich GROHE und Martin Baltser daher auch zum Ziel gemacht, den Wasser- und Energieverbrauch von Badarmaturen zu senken und durch den Austausch defekter Einzelteile zugleich deren Lebensdauer zu verlängern. Fælledby ist eine neue, nachhaltige Wohnsiedlung in Amager Fælled bei Kopenhagen. Neben 2.000 Wohneinheiten soll das Areal auch Schulen, Ämter und ein Altenpflegeheim umfassen. Damit die Gebäude möglichst nachhaltig sind, bestehen sie zu 80 % aus Holz – von der Tragkonstruktion bis zur Fassade. GROHE arbeitet eng mit Fælledby zusammen, um besonders nachhaltige Sanitärlösungen zu liefern, sowohl im Hinblick auf die Produktlebensdauer als auch auf den Wasser- und Energieverbrauch. Fælledby ist dabei das erste Projekt, das die „Cradle to Cradle Certified®“ Produkte von GROHE erhält.

Fælledby: eine neue, nachhaltige Wohnsiedlung in Amager Fælled

Bedeutende Veränderungen

GROHE wird in diesem Sommer mit der EPD-Dokumentation seiner Produkte beginnen und bis Ende Oktober 2022 die EPDs für 18 Produktgruppen mit insgesamt 600 Einzelprodukten veröffentlichen.

Und das ist nur der Anfang. Auf lange Sicht werden die EPD-Daten der Marke ihre Nachhaltigkeitsleistung in allen Bereichen verbessern, sodass GROHE noch bessere und nachhaltigere Produkte entwickeln und diese dann mit Blick auf die Umweltbelastung schonender herstellen kann.

Referenzen

Portrait: Fælledby/Boserup
Projektentwürfe: Fælledby/3D Vizual

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